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Riechen ist Fühlen – wenn Gerüche in Innenräumen zum Problem werden

4. Okt.
5 Min. Lesezeit

Man betritt einen Raum und noch bevor man bewusst sagen kann, was eigentlich anders ist, ist da bereits ein Eindruck: angenehm, frisch, muffig, stechend, fremd. Manchmal genügt ein Geruch sogar, um uns innerhalb von Sekunden an einen Ort oder eine Situation zu erinnern, die Jahre zurückliegt.

„Riechen ist Emotion“ – dieser Satz ist mir vom 14. Fachkongress der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Forschungsinstitute (AGÖF) besonders im Gedächtnis geblieben. Gleich mehrere Vorträge beschäftigten sich dort mit Gerüchen in Innenräumen: Wie nehmen wir sie wahr? Wie lassen sie sich möglichst objektiv beschreiben? Und vor allem: Wie findet man heraus, woher ein störender Geruch kommt?


Warum Gerüche uns so unmittelbar erreichen

Unser Geruchssinn ist eng mit Bereichen des Gehirns verknüpft, die auch bei der Verarbeitung von Emotionen und Erinnerungen eine Rolle spielen. Was wir riechen, wird zunächst von den Riechsinneszellen in der Nase erfasst und als elektrisches Signal an das Gehirn weitergegeben. Anders als bei anderen Sinneseindrücken führt ein wesentlicher Weg der Geruchsinformation dabei nicht zunächst über den Thalamus, sondern direkt in Bereiche der Riechrinde und des limbischen Systems.

Das erklärt, warum Gerüche so unmittelbar wirken können. Ein bestimmter Duft kann innerhalb von Sekunden Erinnerungen wachrufen oder ein Gefühl von Wohlbefinden, aber auch deutliche Ablehnung auslösen. Wie wir auf einen Geruch reagieren, hängt dabei nicht allein vom Geruchsstoff ab. Auch Erfahrungen, Erwartungen und die persönliche Bewertung spielen eine wichtige Rolle.

Für die Beurteilung von Gerüchen in Innenräumen ist das besonders relevant: Wahrnehmen und Bewerten lassen sich beim Riechen nicht vollständig voneinander trennen. Ein Geruch kann deshalb auch dann als belastend empfunden werden, wenn von der vorhandenen Stoffkonzentration keine gesundheitsschädliche Wirkung abzuleiten ist.


Ein auffälliger Geruch ist nicht automatisch ein Schadstoffproblem

Dabei ist eine Unterscheidung besonders wichtig: Geruch und gesundheitliche Gefährdung sind nicht dasselbe.

Manche Stoffe riechen bereits in sehr niedrigen Konzentrationen deutlich, ohne dass daraus automatisch eine gesundheitlich relevante Belastung abzuleiten ist. Andere Schadstoffe können dagegen vorhanden sein, ohne dass wir sie riechen können.

Ein unangenehmer Geruch kann trotzdem die Nutzung eines Raumes erheblich beeinträchtigen. Hinzu kommt: Wenn unklar ist, woher er kommt und ob möglicherweise eine gesundheitsschädliche Substanz dahintersteckt, entsteht schnell Verunsicherung.

Deshalb halte ich beide Extreme für wenig hilfreich: Einen auffälligen Geruch vorschnell mit einer Schadstoffbelastung gleichzusetzen, ist genauso problematisch wie ihn mit dem Hinweis abzutun, bei einer Raumluftmessung sei nichts Auffälliges gefunden worden.


Warum eine Raumluftmessung allein nicht immer die Antwort liefert

Bei einem unbekannten Geruch liegt der Gedanke nahe: Man nimmt eine Luftprobe und das Labor findet heraus, was riecht. So einfach funktioniert es leider nicht immer.

Gerüche können aus komplexen Stoffgemischen entstehen. Einzelne geruchsbestimmende Substanzen können bereits in sehr niedrigen Konzentrationen wahrnehmbar sein oder mit einer standardmäßigen Raumluftanalyse gar nicht erfasst werden. Der 2026 überarbeitete AGÖF-Geruchsleitfaden „Gerüche in Innenräumen – sensorische Bestimmung und Bewertung“ macht deshalb deutlich, dass chemische Analytik und sensorische Untersuchung unterschiedliche Informationen liefern. Geruchsschwellen können bei der Interpretation helfen, ersetzen aber nicht die Bewertung der konkreten Geruchssituation.

Genau hier beginnt die eigentliche Detektivarbeit.


Erst riechen, dann messen?

Vereinfacht könnte man die Vorgehensweise des AGÖF-Geruchsleitfadens tatsächlich so zusammenfassen. Allerdings bedeutet „riechen“ dabei nicht, einmal kurz den Raum zu betreten und einen persönlichen Eindruck abzugeben.

Am Anfang steht zunächst die Fragestellung: Wo tritt der Geruch auf? Seit wann? Ist er ständig vorhanden oder nur zeitweise? Verändert er sich mit Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Lüftung? Gab es einen Wasserschaden, eine Sanierung, neue Baustoffe oder andere Veränderungen?

Dann wird die Geruchssituation möglichst systematisch erfasst.

Der überarbeitete Leitfaden stellt dafür deutlich höhere Anforderungen an Planung, Durchführung, Prüfpersonen, statistische Auswertung und Dokumentation als eine einfache subjektive Geruchsprobe. Bei umfangreicheren Fragestellungen kommen mehrere entsprechend qualifizierte Prüfpersonen zum Einsatz. Äußere Einflüsse wie bspw. Parfum, Rauchen, Essen oder auch die gegenseitige Beeinflussung der Prüfenden, sollen möglichst ausgeschlossen werden.

Bewertet wird dabei nicht einfach nur, ob etwas riecht.

Eine Rolle spielen unter anderem die Intensität, der Charakter des Geruchs und seine sogenannte Hedonik, also ob er eher angenehm oder unangenehm empfunden wird. Neu stärker gewichtet wird im Leitfaden die Akzeptanz: Ist dieser Geruch in dem betreffenden Raum und bei dessen Nutzung akzeptabel?

Denn der Kontext spielt eine große Rolle. Ein bestimmter Geruch kann in einem Technikraum kaum stören, während derselbe Geruch in einem Schlaf- oder Büroraum als nicht akzeptabel empfunden wird. Genau dieses Zusammenspiel aus Wahrnehmung, Raumfunktion und Nutzungssituation berücksichtigt der Leitfaden.

Mit dem neuen AGÖF-Geruchsrad gibt es außerdem ein Hilfsmittel, um Gerüche möglichst einheitlich zu beschreiben: beispielsweise muffig, erdig, chemisch, lösemittelartig oder rauchig. Eine solche Beschreibung ist nicht nur für die Bewertung hilfreich. Sie kann bereits erste Hinweise für die anschließende Quellensuche liefern.


Von der Wahrnehmung zur Ursache

Erst aus diesen Informationen ergibt sich, welche weitere Untersuchung sinnvoll ist.

Je nach Situation können Raumluftanalysen folgen, Materialien untersucht, einzelne Bauteile näher betrachtet oder Vergleichsräume einbezogen werden. Die Analytik wird damit gezielt eingesetzt, statt zunächst möglichst viele Stoffe messen zu lassen und darauf zu hoffen, dass sich darunter auch die Ursache des Geruchs befindet.

Wie wichtig dieses schrittweise Vorgehen sein kann, zeigte auf dem Kongress ein Fall mit ungewöhnlichem Ammoniakgeruch in einem Neubau. Durch die Kombination aus Geruchswahrnehmung, Messungen, Kenntnis der verwendeten Baustoffe und der Betrachtung der örtlichen Situation ließ sich die Ursache immer weiter eingrenzen. In einem der beschriebenen Fälle deuteten die Untersuchungen darauf hin, dass eingebrachte Feuchtigkeit mit Materialien im Wandaufbau zusammenhing und so die auffällige Geruchssituation entstanden sein könnte.

Ein anderes Beispiel zeigte, warum auch bei der Beseitigung von Gerüchen Vorsicht geboten ist. Nach einem kleinen Brand war in einem Wohnhaus eine Ozonbehandlung gegen verbliebenen Rauchgeruch durchgeführt worden. Danach entstand eine neue Geruchsproblematik, mit der sich schließlich sogar das OLG Koblenz beschäftigte. Der Fall zeigt unter anderem, dass vor einer solchen Sanierungsmaßnahme auch mögliche Reaktionen des eingesetzten Verfahrens mit vorhandenen Materialien berücksichtigt werden müssen.

Bemerkenswert war dabei noch etwas anderes: Auch die Frage, wie ein Geruch überhaupt belastbar nachgewiesen werden kann, spielte vor Gericht eine Rolle. Denn ein chemischer Messwert und eine tatsächlich vorhandene Geruchswahrnehmung müssen nicht zwangsläufig dasselbe abbilden. Die fachgerechte sensorische Untersuchung kann deshalb eine eigenständige Bedeutung haben. Die rechtliche Beurteilung, ob daraus beispielsweise ein Mangel oder ein Anspruch entsteht, bleibt davon wiederum getrennt.


Die Nase als Messinstrument?

Unsere Nase liefert natürlich keinen Messwert in Mikrogramm pro Kubikmeter. Gleichzeitig ist sie bei einem Geruchsproblem auch nicht einfach nur ein „subjektives“ und damit wertloses Instrument.

Unter definierten Bedingungen lässt sich Geruchswahrnehmung systematisch untersuchen und durch mehrere qualifizierte Prüfpersonen deutlich besser einordnen als durch die Wahrnehmung einer einzelnen Person.

Sensorik und chemische Analytik sind keine Konkurrenten. Sie beantworten unterschiedliche Fragen.

Die Nase kann feststellen, dass und wie etwas wahrnehmbar ist. Die Gebäudediagnostik hilft dabei herauszufinden, woher es kommen könnte. Und eine gezielt ausgewählte chemische Analytik kann anschließend helfen zu klären, welche Stoffe beteiligt sind und wie diese einzuordnen sind.


Manchmal ist die eigene Nase eben der erste Hinweis darauf, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen.


Foto: Leighann Backwood
Foto: Leighann Backwood


 
 
 

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