Raumbeduftung – zwischen Wohlgefühl und Raumluftbelastung
Warum wir Düfte lieben, was sie mit unserer Raumluft machen und weshalb "natürlich" nicht immer unbedenklich bedeutet.
Es ist wieder diese Jahreszeit. Draußen wird es früher dunkel, die Temperaturen sinken und drinnen machen wir es uns gemütlich. Kerzen werden angezündet, vielleicht steht ein Diffuser mit ätherischen Ölen auf dem Tisch und irgendwo duftet es nach Zimt, Vanille, Orange oder Tannennadeln.
Wohnraumdüfte sind längst mehr als ein Mittel, um unangenehme Gerüche zu überdecken. Unter dem Begriff „Scentscaping“ wird die bewusste Gestaltung von Räumen mit Düften inzwischen sogar als eigener Wohntrend vermarktet. Räume sollen nicht mehr nur schön aussehen, sondern sich auch auf eine bestimmte Weise anfühlen und riechen.
Doch warum haben Düfte eine solche Anziehungskraft auf uns? Was suchen wir eigentlich, wenn wir unsere Wohnräume beduften? Und was passiert dabei mit der Luft, die wir einatmen?
Wir kaufen nicht nur einen Duft. Wir kaufen ein Gefühl.
Wer eine Duftkerze mit dem Namen „Winter Forest“ kauft, entscheidet sich nicht allein für eine bestimmte Geruchskomposition, mit dem Duft ist eine Erwartung verbunden. Nadelholz weckt Bilder von Waldspaziergängen, Vanille verspricht Wärme und Geborgenheit, Zimt erinnert an Weihnachten.
Gerüche haben eine besondere Verbindung zu unseren Emotionen und Erinnerungen.
Gerade im Winter, wenn wir mehr Zeit in geschlossenen Räumen verbringen und die vielfältigen Sinneseindrücke der Natur seltener erleben, wächst bei vielen Menschen das Bedürfnis nach Wärme, Rückzug und Gemütlichkeit. Der Duft wird zu einem zusätzlichen Gestaltungsmittel, er kann uns für einen Moment gedanklich an einen anderen Ort versetzen oder verspricht zumindest eine Atmosphäre, nach der wir uns gerade sehnen.
Doch während wir angenehme Düfte mit Wohlbefinden verbinden, gerät eine andere Frage leicht in den Hintergrund: Was atmen wir dabei eigentlich ein? Denn Raumbeduftung führt zu zusätzlichen chemischen Stoffeinträgen in die Innenraumluft.
Was wir mit Raumdüften tatsächlich einatmen
Wir kommen zum einen mit den Inhaltsstoffen der Produkte in Kontakt. Dazu gehören Verbindungen wie bspw. Limonen, Linalool, Vanillin, Zimtaldehyd oder synthetische Moschusverbindungen sowie Trägerstoffe und Lösungsmittel.
Zum anderen können bei Duftkerzen aber auch Verbrennungsprodukte entstehen, die wir über die Raumluft einatmen wie bspw. Formaldehyd, Acrolein, Benzol, Stickoxide, Ruß,...
Darüber hinaus kann es auch zu sekundären Reaktionsprodukten von chemische Stoffe aus dem Duft mit anderen Luftbestandteilen (z.B. Ozon) kommen.
Häufig wird bei Duftprodukten zwischen natürlichen ätherischen Ölen und synthetisch hergestellten Duftstoffen unterschieden, wobei ersteres als gesund und unbedenklich vermarktet wird.
Aus chemischer Sicht ist diese Unterscheidung jedoch weniger eindeutig, als die Werbung vermuten lässt. Ätherische Öle sind komplexe Gemische aus zahlreichen organischen Verbindungen, deren Inhaltsstoffe sich in ihrer Wirkung gegenseitig beeinflussen können. Synthetisch hergestellte Duftstoffe können chemisch mit einzelnen natürlich vorkommenden Verbindungen identisch sein. Auch synthetische Duftmischungen können komplex zusammengesetzt sein, entsprechen aber nicht zwangsläufig der natürlichen Zusammensetzung eines ätherischen Öls.
Natürlich bedeutet deshalb nicht automatisch unbedenklich und synthetisch nicht zwangsläufig gesundheitsschädlich.
Ob durch die Raumbeduftung eine gesundheitlich relevante Belastung entsteht, hängt von den freigesetzten Stoffen und ihren Konzentrationen, der Nutzungsdauer und den Lüftungsverhältnissen ab. Auch die individuelle Empfindlichkeit spielt dabei eine Rolle.
Einige Duftstoffe können insbesondere bei Hautkontakt allergische Reaktionen auslösen. Beim Einatmen kann es bei empfindliche Personen zu Reizungen der Augen und Atemwege, Kopfschmerzen oder anderen Unverträglichkeitsreaktionen kommen.
Das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb einen zurückhaltenden Umgang mit Duftstoffen in Innenräumen.
Was ist aus baubiologischer Sicht empfehlenswert?
Für mich steht bei der Gestaltung von Wohnräumen die Qualität der Raumluft an erster Stelle. Das bedeutet nicht, dass wir auf jeden angenehmen Duft verzichten müssen. Ich halte es jedoch für sinnvoll, bewusste Dufterlebnisse von einer dauerhaften Raumbeduftung zu unterscheiden.
Meine Empfehlungen:
Keine dauerhafte Raumbeduftung: Elektrische Diffuser, Duftstäbchen und automatische Raumsprays können kontinuierlich Duftstoffe freisetzen.
Duftstoffe sparsam einsetzen: Wer nicht darauf verzichten möchte, sollte sie möglichst gezielt und zeitlich begrenzt verwenden. Besondere Zurückhaltung ist bei Kindern und Menschen mit empfindlichen Atemwegen angebracht.
Kerzen möglichst ohne Duftzusätze verwenden: Auch unbeduftete Kerzen erzeugen Verbrennungsprodukte. Ein ruhiges Abbrennen und anschließendes Lüften helfen, unnötige Belastungen zu reduzieren.
Natürliche Sinneseindrücke wiederentdecken: Eine frisch geschälte Orange, Kräuter beim Kochen oder ein Tannenzweig können intensive Dufterlebnisse schaffen, ohne Räume dauerhaft zu beduften.
Unangenehme Gerüche nicht überdecken: Bei anhaltenden oder ungewöhnlichen Gerüchen sollte die Ursache geklärt werden.
Vielleicht braucht ein guter Raum gar keinen zusätzlichen Duft
Mich beschäftigt an diesem Thema besonders die Frage, warum wir so viel Mühe darauf verwenden, unseren Räumen immer neue Sinneseindrücke hinzuzufügen.
Wir wählen Farben, Materialien, Lichtstimmungen, Musik und schließlich auch noch einen bestimmten Duft, damit sich ein Raum so anfühlt, wie wir es uns wünschen.
Dabei entsteht Wohlbefinden nicht zwangsläufig durch immer mehr Reize.
Manchmal liegt es gerade darin, dass ein Raum nichts von uns fordert, dass wir durchatmen können, ohne permanent etwas wahrnehmen zu müssen. Dass die Luft frisch ist und wir die natürlichen Gerüche unserer Umgebung wieder bemerken.
Ein Duft kann eine schöne Erinnerung wecken, eine Stimmung unterstützen oder uns für einen Moment in eine andere Welt versetzen.
Aber vielleicht ist das schönste Gefühl, das uns ein Raum schenken kann, gar nicht an einen bestimmten Duft gebunden.
Sondern an die Erfahrung, dass wir uns in ihm wohlfühlen, ohne etwas hinzufügen oder überdecken zu müssen.




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